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Eine imponierende Persönlichkeit

Begeistert von der Musik war Wolfgang Jacobi sein Leben lang. Bereits als Kind und Heranwachsender hatte er musikalisch-kulturelle Impulse erhalten. 1917, in französischer Kriegsgefangenschaft, träumte er davon, eines Tages ein erfolgreicher Komponist zu sein. Und er konnte seinen Traum verwirklichen. Nur dass ihm der große künstlerische Durchbruch nicht gelang. Vielleicht war Jacobis überaus genaue und selbstkritische Arbeitshaltung mit ein Grund dafür. Auf jeden Fall aber hinderte ihn das von den Nationalsozialisten verhängte Berufsverbot daran, seine begonnene Karriere auszubauen und aus dem Schatten der namhaften Komponistenkollegen zu treten.


ab 1919 … Berlin

Hier studiert Jacobi bis 1922 Komposition bei Friedrich E. Koch an der Hochschule für Musik. Offen für Neues, genießt er das pulsierende Leben in der Kulturmetropole. Er komponiert viel und kann sich mit seinen Werken zusehends einen Namen machen. Als freier Mitarbeiter der Berliner Funkstunde erhält er zahlreiche Kompositions- und Bearbeitungsaufträge. Und schon bald feiert ihn die Presse als »starkes kompositorisches Talent« und als einen Musiker, auf den man achten muss.

»Die zwanziger Jahre in Berlin sind mir unvergesslich... Bartók und Strawinsky spielten ihre Werke und Klemperer führte die Ballette Strawinskys und Hindemiths Opern auf. Die berühmtesten Kammermusikvereinigungen, die großen internationalen Solisten gaben regelmäßig ihre Konzerte.« Wolfgang Jacobi, um 1952

1933 – 1945 … Berufsverbot

Im April 1933 soll das für die Arbeiterchorbewegung geschriebene Werk »Der Menschenmaul-
wurf« uraufgeführt werden. Doch die gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten verhindern die geplante Veranstaltung. Auf Jacobi aufmerksam geworden, verhängen sie ein Berufsverbot gegen ihn – denn aus nationalsozialistischer Sicht gilt Wolfgang Jacobi als »Halbjude« (s. Stengel/Gerigk: Lexikon der Juden in der Musik, 1941) und seine Werke entsprechen nicht den Vorstellungen des Regimes. Er wird aus der Reichskulturkammer und der STAGMA ausgeschlossen, darf nicht mehr unterrichten und verliert seine Anstellung am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium. Bis 1945 bleibt ihm die Musikwelt in Deutschland verschlossen, und er muss als verfemter Komponist zwölf Jahre lang eine Zwangspause einlegen. Auch ist es verboten, seine Werke während dieser Zeit auf deutschem Boden aufzuführen.

Aus »Menschenmaulwurf« für gemischten Chor, Sprecher, Bariton-Solo und Blasorchester

1934 … Zuflucht Italien

Über einen Musikerkollegen ergibt sich die Möglichkeit, nach Italien auszureisen, und die Familie findet in Malcesine am Gardasee ein neues Zuhause. Jacobi interessiert sich sehr für die Sprache und Kultur des Landes und studiert in der Bibliothek des Conservatorio Cherubini in Florenz ausgiebig die italienische Musik. Auch ist er fasziniert von den Farben, dem Licht des Landes und beginnt, zu malen. Der Zufluchtsort wird zu einer bedeutenden Inspirationsquelle.

»Fischerhäuser am Gardasee« Aquarell von Wolfgang Jacobi, 1934

ab 1935 … Wahlheimat München

Die Devisensperre zwingt die Familie im Winter 1935 zur Rückkehr nach Deutschland – die Liebe zu Italien aber bleibt. München wird der künftige Wohnsitz der Jacobis. Hier warten sie geduldig das Ende des Nazi-Terrors ab. Doch das Berufsverbot macht Jacobi schwer zu schaffen, und er leidet unter den Einschränkungen während dieser Zeit der inneren Emigration.

Wolfgang Jacobi mit seiner Frau Eveline und Tochter Ursula

1945 … Neubeginn

Nach Kriegsende kann Jacobi endlich ins öffentliche Musikleben zurückkehren, und es gelingt ihm, sich eine neue Existenz aufzubauen. So übernimmt er eine Lehrtätigkeit am Händel-Konservatorium in München und erhält einen Lehrauftrag für Komposition an der dortigen Musikhochschule. Außerdem schreibt Jacobi zahlreiche neue Werke. Dabei bleibt er sich und seinem Stil treu und versucht nicht, sich den aktuellen Tendenzen der Neuen Musik anzupassen.

Wolfgang Jacobi mit Li Stadelmann und Fritz Lehmann nach einem Konzert, 1952 Foto: Bayerische Staatsbibliothek München / Timpe

1955 … Später Ruhm

Jacobi beginnt, zunächst für Akkordeonorchester, dann auch für Solo-Akkordeon zu komponieren – mit großem Erfolg. Die Verlage drucken seine anspruchsvollen Werke, die Akkordeonisten spielen sie und schätzen den mittlerweile betagten Komponisten. Jacobis übrige Werke werden zwar auch recht häufig aufgeführt, finden jedoch nicht die Beachtung, die sie verdient hätten.

Wolfgang Jacobi und Gisela Walther »Ich habe ein Ausweichgeleise in der Akkordeonmusik gefunden. Gerade komme ich ruhm- und schweißbedeckt von den Trossinger Musiktagen zurück.« Wolfgang Jacobi, 1968